Wasted – Kleinstadt Youth

Unser kleines Soest hat ein großes Problem: Jugendliche mögen die Stadt. Und zwar so sehr, das sie sich allwochenendlich bei uns treffen und feiern kommen. Nun, ich persönlich bin ein Mensch, der auch gern feiert. Da stellt sich also die Frage, warum das denn ein Problem darstellen könnte. Das Problem ist, dass die Jugendlichen mangels Alternativen eben vom Bahnhof in die Innenstadt und wieder zurück wandern. Warum keine Alternativen, mag man jetzt fragen. Die Stadt hat eine reichhaltige Gastronomie- und Kneipenszene. Aber wie die Grünen in Soest selbst einmal feststellten, haben mehr als die Hälfte der Soester Haushalte weniger als 1.500 Euro zur Verfügung. Jugendliche sind meist nur Teil der Haushalte und bedauerlicherweise auch der Teil, der am wenigsten zum Einkommen beitragen kann. Sie können es sich also schlicht nicht leisten, in die Kneipen zu gehen.

Ebensowenig können sie sich häufige Besuche im Aquafun leisten, was unsere gewählten Volksvertreter natürlich nicht daran hindert diese großartige Chance, die sich mit dem denkmalgeschützten Freibad bietet, zu verhöhnen und sich möglichst schnell darüber hinwegzusetzen, um die großartige “Renaturisierung” des Soestbaches endlich fortführen zu können (und nebenbei mit den Erlösen aus den Baugrundstücken das Stadtsäckel vollzustopfen). Nur so am Rande: Meiner bescheidenen Meinung nach ist jedes verdammte Aquarium in unserer Stadt natürlicher ausgestattet als dieses in Beton gegossene Rinnsal.

Was also haben wir? Wir haben eine frustrierte Gruppe von Jugendlichen in nicht unerheblicher Größe, die durch politische Entscheidungen neoliberaler Verblendung vom sozialen Leben ausgeschlossen ist. Dennoch möchten sie sich treffen, miteinander abhängen, feiern. Anfang dieses Jahres präsentierte der Branchenverband der neuen Medien, Bitkom, eine Studie (PDF, S.11), in der Jugendliche unter anderem zu ihren aktuellen Prioritäten befragt wurden. Vor allem anderen benannten diese ihre Freunde als sehr wichtig. Unser Stadtrat denkt aber lieber laut über Alkoholverkaufsverbote und -verbotszonen, mehr Überwachung, Stadtwächter und ähnliches nach. Ja, liebe Leute… selbst wenn Ihr sie aus der Innenstadt vertreiben könnt, glaubt Ihr denn nicht, dass die Jugendlichen sich dann woanders treffen und das Theater wieder von vorne losgeht? Glaubt Ihr, die bleiben dann zu Hause in der Küche sitzen? Wie weit muss man denn von der Lebensrealität der jungen Leute entfernt sein?

Es mangelt an Alternativen! Wo gibt es denn in Soest einen Treffpunkt für Jugendliche zwischen, sagen wir mal, 16 und 25? Und ich rede nicht von irgendwelchen betreuten Spieleinrichtungen mit Alkohol- und Rauchverbot für Kinder, sondern echten, selbstorganisierten Jugendtreffs ohne mahnende Sozialarbeiter? Oder anderen Freizeitmöglichkeiten, wie zum Beispiel einem kostengünstigen Schwimmbad oder vielleicht einem Paintball-Gelände in unseren zahlreichen Millitäranlagen? Unser Land hat sich seit der Einführung von Hartz IV stark verändert, und auch wenn wir als Kommune nichts dagegen unternehmen können – wir können uns darauf einstellen und versuchen, alle mit zu nehmen. Also packt es an, redet mit den Jugendlichen, gebt ihnen Raum. Wenn Ihr weiter auf eurer autoritären Welle reitet, wird das alles ein böses Ende nehmen, dessen bin ich mir sicher.

Sven Sladek (sven@sladek.de)

2 Kommentare zu “Wasted – Kleinstadt Youth”

  1. Lieber Herr Sladek,

    Ihren Leserbrief >keine Alternativen< v0m 28.05.2011 im SA fand ich gut und wichtig. Ich würde mich gerne mit Ihnen in Verbindung setzen und evtl. ein Gespräch mit Ihnen zum Thema führen. Bis Pfingsten bin ich allerdings im Urlaub.
    Über eine Antwort würde ich mich freuen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Susanne Lüftner-Haude
    Bildende Künstlerin
    Kunsttherapeutin
    Leiterin der
    Kunst-Praxis Soest e.V.

  2. Fizz sagt:

    Hallo Frau Lüftner-Haude,

    ich habe Ihnen mal meine Mailadresse zukommen lassen, melden Sie sich einfach nach Ihrem Urlaub.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Sven Sladek

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