Warum ich telefonieren zum kotzen finde

Der eine oder andere mag es ja schon mal mitbekommen habe, ich telefoniere nur äusserst ungern. Ich möchte hier mal erklären, warum ich das klassische Telefonieren für überholt halte und es durch boykott gern aussterben lassen würde.

Rund 80% der Fälle, in denen ich angerufen werde, bin ich gerade mit etwas anderem beschäftigt und eigentlich gar nicht bereit für ein Gespräch. Manchmal esse ich, oder koche gerade essen, bin am zocken oder fahre Auto und habe vergessen, das Headset anzumachen. Meist bin ich dann echt kurz angebunden, womöglich mag mein Gegenüber das als Unhöflich empfinden. Ja, ist es auch, weil ich genervt bin. Ständig muss man erreichbar sein, es wiedert mich an.

Kommunikation ist ein sehr spannendes Thema, wenn man mal darüber nachdenkt. Es gibt irrsinnig viele Aspekte und Spielarten. Werfen wir einen Blick auf diese Aspekte:

Es gibt unidirektionale Kommunikation und Bidirektionale. Die Unidirektionale ist mehr so eine Verlautbarung – Radionachrichten, Zeitungsartikel, eine Ansprache im Fernsehen – es gibt keinen Rückkanal, zumeist geht die Nachricht an eine Vielzahl von Empfängern, was ja durchaus von Vorteil ist. Die Telefonie ist bidirektional, der Empfänger hat die Möglichkeit zu antworten. So weit so gut.

Dann möchte ich gern unterscheiden zwischen synchroner und asynchroner Kommunikation. Bei der synchronen Kommunikation sind Sender und Empfänger gleichzeitig involviert, beispielsweise bei einem Auge zu Auge Gespräch, einer Darbietung im Theater oder eben beim Telefonieren. Asynchrone Kommunikation hingegen findet dann statt, wenn der Sender seine Botschaft “speichert” und der Empfänger sie wann auch immer abruft. Beispielsweise ein Podcast, die oben erwähnte Zeitungsnachricht oder eine Email. Das hat eben den Vorteil der freien Zeiteinteilung, ich empfange die Botschaft wenn ich bereit dazu bin, und nicht wenn ich gerade esse oder Auto fahre. Im Falle asynchroner, bidirektionaler Kommunikation kann ich auch antworten, wann ich es für richtig halte und möglicherweise noch mal über das gesagte / geschriebene nachdenken bevor ich es losschicke. Ich halte das für einen immensen Vorteil, allein, bei asynchroner Kommunikation fehlt oftmals ein direkt Rückkanal wenn der Empfänger nicht antwortet – sprich, man weiß nicht, ob die Nachricht überhaupt angekommen ist. Ich nenne das jetzt mal Empfangsbestätigung.

Ein weiterer Aspekt ist die Relation der Kommunikation. Die Telefonie ist eine 1:1 Kommunikation, es gibt je einen Sender und Empfänger, wobei beide Partner beide Rollen einnehmen. Wenn ich also eine Botschaft an 30 Personen verteilen möchte, bleibt mir nichts übrig als 30 Leute anzurufen. Oder man organisiert Telefonketten und lebt mit der Gefahr des “stille Post” Problems. Da finde ich Mailinglisten oder Foren dann doch spannender, hier erreiche ich mit einer Nachricht gleich mehrere Personen, und alle können Antworten. Sprich, die Relation ist n:n. Die Relation 1:n gibt es auch noch, das wären dann wieder Nachrichten und ähnliche Verlautbarungen die wieder das Problem des fehlenden Rückkanals haben.

Kommunikation besteht übrigens nicht nur aus dem reinen Inhalt, oftmals wird sehr viel mittels Intonation, Gestik und Mimik vermittelt. Ich nenn das jetzt mal “Haptik”, entsprechende gibt es 4 haptische Kanäle. Die Denkbar schlechteste Kommunikation ist der reine Text in Mails und Zeitungen, es wird nur ein Kanal bedient. Die Telefonie, oder pure Sprachübertragung, erweitert die Kanäle zwar um die Intonation, Gestik und Mimik bleiben uns aber dennoch verborgen.

Wie also sieht die für mich ideale Kommunikation aus? Sie muss asynchron mit Lesebestätigung, bidirektional, in der Relation n:n und möglichst Haptisch daherkommen. Die einzige Möglichkeit für so eine Kommunikation wäre ein Video-Forum, bislang gibt es das glaube ich noch nicht. Die Telefonie ist synchron, bidirektional, in der Relation 1:1 und nutzt nur 2 von 4 haptischen Kanälen. Und Gerade der asynchrone Aspekt ist für mich der wichtigste, ich will meinen Lebensrythmus und -ablauf selbst bestimmen. Bei Auge-zu-Auge Gesprächen sehe ich wenigstens, ob mein Gegenüber gerade Zeit hat mit mir zu sprechen. Beim Telefon geht das nicht, und das finde ich schlicht unhöflich. Weiterhin habe ich nicht die Gelegenheit, über das Gesagte nachzudenken bevor es zum Empfänger wandert. Gerade bei komplexen Gesprächsthemen ist das aber sehr sehr wichtig finde ich. Und noch mal nachlesen oder nachhören was besprochen wurde kann ich auch nicht, es sei denn ich zeichne auf oder lass mir die Aufzeichnung von den Geheimdiensten zukommen ;-)

Deshalb mag ich Telefonieren nicht. Ruft mich nicht an, schreibt mir was. Ich verzichte lieber auf den einen haptischen Kanal als auf die anderen Aspekte.

Ein Kommentar zu “Warum ich telefonieren zum kotzen finde”

  1. lainee sagt:

    Danke Sven für Deine Gedanken!

    Ich frage im Telefonat immer als erstes, obs gerade passt, und wieviel Zeit die Person für ein Gespräch hat, bzw kündige an, wieviel Minuten ich dem Gespräch widmen möchte.
    Am liebsten rufe ich sowieso nur an, nachdem ich eine schriftliche Bestätigung per SMS oder dm auf meine Anfrage zum Gespräch erhalten habe.
    Wenn es mir nicht passt, weil ich, wie Du beschreibst, gerade etwas anderes zu tun habe, nehme ich das Gespräch einfach nicht an und schreibe eine kurze Nachricht, wann ich mich melden kann, oder bitte um Wiederanruf zu einer für mich passenden Zeit.
    Damit erspare ich mir einige der von Dir oben beschriebenen Probleme.

    Darüber, dass ich in gewissen Situationen nicht gern telefoniere, obwohl es hilfreich wäre, bin ich mir klar, und ich habe, entgegen Deiner Entscheidung es ganz zu lassen, beschlossen, darüber hinwegzukommen. Weil ich davon überzeugt bin, dass das direkte Gespräch vielleicht nicht alles, nicht immer, und vor allem nicht mit jedem*, auflösen kann, aber doch eben oft genug, dass es tatsächlich Sinn macht, zusammen zu sprechen.

    Und den Menschen, mit denen ich nicht telefonieren kann, weil es in Kommunikationsstress ausartet, teile ich das direkt mit und bitte, darum, mich nicht mehr anzurufen, sondern nur noch zu schreiben. Das ist zum Glück eine so verschwindend geringe Zahl, dass das mal vernachlässigt werden kann bei mir.

    Wenn Du nicht gerne telefonierst, und das für Dich OK findest, finde ich, reicht es, wenn Du das einfach so sagst: Ich möchte bitte nicht telefonieren. Ohne Rechtfertigung. Ist doch OK. Jede*r ist anders :)

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