Pirate no more

Ich habe heute dem Landesvorstand meinen Austritt aus der Piratenpartei bekannt gegeben. Ich kann einfach nicht mehr. Wenn mich solche Forderungen wie dem Einsatz der Bundeswehr in Europa nur noch müde mit den Achseln zucken lässt, dann bin ich innerlich schon lange nicht mehr in dieser Partei.

Ich war 2009 eingetreten und habe mich von Anfang an für das Thema Sozialpolitik stark gemacht. Auf meine Initiative hin wurde der AK Arbeit und Soziales NRW gegründet (in einer Bäckerei im Duisburger Hauptbahnhof), habe den erste Sozialpolitischen Kongress in der Soester Jugendherberge organisiert, das Sozicamp, woraus die Sozialpiraten entstanden sind. Mit dieser Gruppe konnten wir Anfangs wirklich was reißen, und dann ist es uns zu Kopf gestiegen und wir haben es vergeigt. Johannes wurde polGF, Olaf ging in den Landtag, ich wurde LaVo in NRW. Die Organisation der Sozialpiraten haben wir dann Küppi übertragen, der sich wirklich sehr bemüht hat, aber den umfangreichen Umbau und die Erweiterung dieser Gruppe haben ihr, im Nachhinein betrachtet, mehr geschadet als genutzt.

Währenddessen ging in den Ämtern, in die ihr uns seinerzeit gewählt habt, so ziemlich alles schief was schief gehen konnte. Als Landesvorsitzender hätte ich niemals antreten dürfen. Ich konnte diesen Job nicht angemessen ausfüllen. Und es hat mich krank gemacht. Ich habe als LaVo meinen Job verloren, hab meine Beziehung vergeigt und bin in eine tiefe Depression gefallen, von der ich mich bis heute nicht richtig erholt habe. Als harmoniebedürftiger, konfliktscheuer Mensch sollte man solch ein Amt nicht antreten.

Das alles ist dann fröhlich weiter vor sich hin eskaliert und ist darin gemündet, dass die Kernies mittlerweile das Ruder in der Hand halten. Wir haben unsere soziale Ader erfolgreich abgebunden. Der Mensch, der schon 2011 gegen mich und meine Themen opponiert hat, ist jetzt Bundesvorstand. Ich ertrage das alles nicht mehr, es widert mich an und es hält mich krank, in dieser Partei zu sein.

Die LWL-Piraten wissen von meinem Austrittswunsch, ich habe Ihnen angeboten mein Mandat niederzulegen. Das Mandat im Rat der Stadt Soest werde ich behalten, glaubt mir einfach, es ist besser so. Denn eines sollte dem geneigten Leser klar sein: Ich bin weiterhin Pirat, und zwar mit voller Überzeugung für den Stand, den diese Partei vor Berlin hatte. Als Sozialpirat, Oldschool. Aber ich kann nicht mehr in dieser Partei sein, die angesichts der weltweiten Situation irgendwas mit ‘Kernthemen’ vor sich hin brabbelt und lieber Kleinklein denkt, statt mal eine echte Vision der Zukunft zu haben.

Abschließend noch was zu der Bundeswehr-Sache: Ich bin jetzt seit einem Jahr in Gremien vertreten. Ich lerne noch, wie das alles funktioniert mit der Politik, aber so viel habe ich verstanden: Wenn die Balkanstaaten der EU jetzt mit Pfefferspray und Zäunen rumhantieren, nach dem sie Tags zuvor noch gesagt haben wir lassen die Flüchtlinge passieren, dann ist das keine Entscheidung dieser Balkanstaaten. Dann bekommen sie Druck von den Profiteuren des Dublin III Abkommens, speziell von Deutschland, ihre Entscheidung schnellstmöglich zu korrigieren. Da kann Merkel stahlend in die Kameras ‘Willkommen’ sagen wie sie will, in den Hinterzimmern wird die Politik gemacht. Dies nicht zu erkennen und so einen Unsinn zu fordern zeugt von einer politischen Naivität sondergleichen.

Macht’s gut, und danke für den Fisch.

6 Kommentare zu “Pirate no more”

  1. wako sagt:

    Lieber Fizz,
    das ist sehr traurig. Danke für die immer gute Zusammenarbeit.

    LG Andrea

  2. Cowboy sagt:

    Willkommen im Club!
    Langsam hätten wir genug gute Leute füe eine Ex-Piratenpartei… ;-)

    Keep it Country,
    Markus aka Cowboy

  3. Dirk sagt:

    Dein Austritt stimmt mich wirklich traurig und nachdenklich.
    Wir verlieren dadurch einen tollen Menschen in der Partei.

    Da uns politisch mehr miteinander verbindet als eine Parteiangehörigkeit hoffe ich das wir die Gelegenheit bekommen werden noch viele interessante Gespräche zu führen. Dazu kommt das ich mir sehr sicher bin das wir auch noch den einen oder anderen gemeinsamen Kampf für eine fairere und sozialere Welt führen werden.

    In Dortmund bist du auf jeden Fall immer willkommen.

    mit traurigen Grüßen
    Dirk

  4. StefanM sagt:

    Schade Fizz … vielleicht wirds es mal wieder was zu einem späteren Zeitpunkt? #niemalsnie

    Grüße Stefan

  5. hpweyer sagt:

    Hallo Fizz,
    Deine Entscheidung kann ich nachvollziehen. Ich erinnere mich auch noch gut an dieses Treffen im Bahnhof Duisburg und kann die weitere, von Dir beschriebene, Entwicklung nur bestätigen. Die Entscheidung auszutreten habe ich bis heute nicht vollzogen, weil in mir das Urfeuer der Piraten, also die innere Überzeugung zu einem Neuanfang in der Politik, auch noch brennt. Und bisher war auch noch die Hoffnung da, dass sich etwas in Richtung realem Neustart für die digitale Wissensgesellschaft entwickeln könnte, wenn die Chaoten sich aufgerieben haben.
    Mein Engagement habe ich in die reale alltägliche Sozialpolitik verlagert und da ist viel zu tun. Eine Piratenpartei, die die Menschen nicht an dieser Stelle abholt, wird scheitern. Davon war und bin ich überzeugt.
    Dein Schritt ist schade, aber auch konsequent.
    Alles Gute. Ich denke wir sehen uns irgendwo.
    Gruß hpweyer

  6. samy sagt:

    Hi Fizz, ich hätte nie gedacht, von deinem Austritt auf diese verrückte Art zu erfahren.
    Für dich hast du wohl konsequent das Richtige getan.
    Wir verlieren uns ganz sicher nicht aus den Augen – Freund ;)

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