Gedanken zum Parteitag NRW 12.1

Zum Kommentar zur Landtagswahl im Saarland von Martin Krigar und der Berichterstattung über den NRW-Parteitag im Soester Anzeiger.

Als einer der Versammlungsleiter des Nominierungsparteitages der Piratenpartei NRW in Münster habe ich am Wochenende erstaunliches erlebt. Beginnend mit einer Demonstration einiger Mitglieder der Partei “die Linke”, denen wir erst mal ihren Spruchbanner reparieren und Kaffee vorbeibringen mussten, über größte Anspannung über das gewählte Verfahren welches zu scheitern drohte, habe ich 170 teils skurile, teils lustige Kandidatenvorstellungen gesehen, die Freude über die Wahl meines guten Parteifreundes Joachim auf Listenplatz 1 zelebriert und frenetischen Jubel darüber, das der zweite Wahlgang doch geklappt hat erlebt. Es war anstrengend, sehr sogar. Die Luft in der Münsterlandhalle war stickig, auf dem Podium war es unangenehm warm, die Stimmung entlud sich zuweilen und musste von uns ausgebremst werden. Demokratie ist anstrengend. Das wissen auch die anderen Parteien. Deshalb lassen sie es lieber und entscheiden in kleiner Runde. Kurz vor Eröffnung des dritten Wahlgangs haben wir das Mikrofon freigegeben, damit jeder, der es wollte, einige Worte an die Versammlung richten konnte. Plötzlich stellte sich dort ein Gast als Mitglied der grünen Jugend vor und sagte, das er das, was er hier bei uns erlebt hat, in seiner Partei schmerzlich vermisse. Der Saal brach abermals in Jubelstürme aus.

Ist es tatsächlich so, das unser Parteiensystem vergessen hat wie dieses Demokratie-Dings mal gedacht war und wir, als Lehrlinge der Politik, plötzlich die Meister der Demokratie sind? Ich fürchte fast, das es so ist. Und deshalb dürfen wir nicht nachlassen. Auch wenn wir uns die Nägel abkauen und schwitzen, der Jubel ist am Ende um so größer. Die Medien verstehen gar nicht, wie das so ist, sind bereits konditioniert darauf das Personen einfach in kleiner Runde bestimmt werden. Micheles Abschneiden wird als “Abstrafen” gewertet. Das ist es nicht, im Gegenteil. Platz 4 ist großartig, er hat besser abgeschnitten als 166 andere. Und ich warte eigentlich schon darauf, das die Presse darüber mokiert das nur 3 Frauen unter den Top 20 unserer Liste sind. Liebeleins… es ist vollkommen egal. Das sind tolle Piraten. Alle von ihnen haben bislang einen super Job gemacht, und sie werden ihn weiterhin machen, dessen sind wir uns sicher. Fast 400 Leute haben gewählt. Irgendwo habe ich gelesen, wir seien unberechenbar. Ja, dem stimme ich zu. Und das ist gut so.

Im Kommentar zur Saarland-Wahl unserer regionalen Tageszeitung ist zu lesen, das wir weiterhin siegen weil bei uns das Image zähle, Inhalte und Personen kenne ja (noch) niemand. Tja… was soll man dazu noch sagen. Wenn ich in der Google-Suchzeile “Wahlprogramm Piratenpartei NRW” eingebe, ist der erste Treffer der Link zu unserem 56-seitigen Wahlprogramm, welches die Basis für die diesjährige Wahl darstellt und in 2 Wochen in Dortmund erweitert wird. Die Aussage, wir hätten kein Programm, ist also nicht nur falsch, sondern treibt auch eine Menge neuer Leute voller Ideen zu uns. Das ist zum Teil gut, zum Teil aber auch gefährlich, denn da werden auch abstruse und wirre Aussagen getätigt, die so gar nicht zu unserer sozial-liberalen Denkweise passen.

Und zu den unbekannten Personen: sucht man nach “Joachim Paul Piratenpartei” ist bereits der dritte Verweis sein höchst informativer Vordenker-Blog, bzw. die dortige Abhandlung “Warum Deutschland die Piratenpartei braucht”. Lohnenswerter Artikel, übrigens. Auch auf YouTube lässt sich so einiges über Joachim finden, beispielsweise sein Vortrag “Über die Notwendigkeit eines Lernen jenseits von Kulturpessimismus und Technikeuphorie”, welchen er in Soest gehalten hat. Um mehr zu finden, sollte man seinen Spitznamen “Nick Haflinger” bemühen.

Wir sind da vielleicht etwas naiv und unerfahren, aber was erwartet man von uns? Das wir irgendjemanden Schminken, vor ein dutzend Kameras setzen und das Programm vorlesen lassen? TV, Radio und Zeitung, also die klassischen Medien, haben nicht mehr die Informationshoheit. Auch wenn ich es mittlerweile kaum noch lesen kann, eines unserer erfolgreichsten Plakatmottos lautet “Trau keinem Plakat, informier dich”. Wir werden es nicht allen vorkauen können. Demokratie ist anstrengend. Aber sie lohnt sich.

8 Kommentare zu “Gedanken zum Parteitag NRW 12.1”

  1. Lieschen Müller sagt:

    Moin. Ich war nicht in Münster, konnte aber teilweise verfolgen, wie die Kandidatenliste explodierte und zu diesem seltsamen Casting-Marathon und einer extremen Belastung alle Beteiligten führte. Könnte man nicht eine Mindestzeit als Mitgliedschaft voraussetzen, z. B. 6 Monate? Das hätte Casting und Wahlgänge möglicherweise schon halbiert. Die erwähnten Spontaneintritte um so an ein Mandat zu kommen sind doch echter Schwachsinn. Das hat mit Transparenz + so doch nichts zu tun. Oder? Damit lähmt sich die Partei selbst.

    • Fizz sagt:

      Ich persönlich würde mir eine Mindestzahl von Unterstützern wünschen. Deshalb sammle ich auf meinem Wiki-Profil auch bereits…

      • Addy Becker sagt:

        Genau das sehe ich auch so, der sich zur Wahl stellt sollte eine Unterstützerliste haben mit x Unterstützer, zeigt Engagement, und schon eine Akzeptanz von den der Unterstützern. Auf jeden Fall ein GO-Antrag wert!

      • Du weisst wohl, daß ich als Unterstützer brauchbar bin! Der Blog ist richtig gut! +1
        Samy

    • Heike sagt:

      Einerseits bin ich auch für eine Mindestmitgliedzeit. Jetzt kommt das große ABER.
      Ich persönlich kenne jemanden der seit gut 2 Jahren immer zu den Stammtischen kommt, rund um das Geschehen der Partei oft besser informiert ist als ich ( seit 2009 dabei). Sollte er jetzt doch mal eintreten, ich würde ihm das gleiche Vertrauen entgegenbringen wie jemanden der schon solange offiziell Mitglied ist. Nicht jeder Neuankömmling ist ein Troll oder machtgeil.
      Die Sache mit den Unterstützern, die Fizz vorschlägt, finde ich da den weitaus besseren Weg. Da so allein schon gewährleistet wird, das es bei einer Wahl ein paar Stimmen gibt.

      Ansonsten: Fizz, gut geschrieben :)

  2. Marc sagt:

    Auch wenn es viele Bewerber waren, auch wenn es anstrengend war: Es hat doch funktioniert! Das zeigt die Liste.

    Und: Selten war ein Parteitag so diszpliniert. Wir waren 22:05 mit der Liste durch. Fast eine Punktlandung. Wie doch eigentlich immer bei uns Piraten.

    Von daher sehe ich für zukünftige Parteitage sehr gelassen.

  3. Textheld sagt:

    Einen hammergeilen Parteitag sehr gut zusammengefasst. Die Orga und die Versammlungsleitung waren super. Wenn man bedenkt das es grad mal wenige Tage her ist, dass die Regierung zusammengrbrochen ist und was wir nur bis jetzt bereits geleistet haben… wow!

  4. Grumpy sagt:

    Joot. Weitermachen – jetzt erst recht!

Was denkst du?