Der rote Faden in die Vergangenheit

Kurz vor Weihnachten, am 23.12. hat die AG Öffentlichkeitsarbeit eine These gewagt, mit der man sich bei Piratens recht weit aus dem Fenster lehnt: Mit der Plattformneutralität wurde eine Gemeinsamkeit in unserem Programm offenbart, das zumeist als “wild zusammengewürfelte Aneinanderreihung von Thesen” verstanden bzw. vom politischen Gegner und der Presse kommuniziert wird.

Dieser Ansatz ist richtig, aber der Begriff der Plattformneutralität ist doch ein relativ neuer. Im Buch “Die Piratenpartei” gibt es bereits diese Erklärung, aber völlig anders als im Adventskalender beschrieben. Die Erklärung von mspro auf Ctrl+Verlust kommt da deutlich näher an das heran, was uns umtreibt. Dennoch – es bleibt ein neuartiger, für normale Menschen wenig verständlicher Begriff.

Um uns Piraten zu verstehen sollte man deshalb vielleicht nicht im Netz oder in der Gegenwart nach Erklärungen suchen, sondern weit in der Vergangenheit.

Die Almende

Unter Almende verstand man im Mittelalter das Allgemeingut einer Gemeinde, also Wälder, Wege, Äcker, Teiche, Brunnen und Weiden, die von jederman benutzt werden konnte. Unter zuhilfename der Allmende, bzw. dessen, was mit oder auf der Almende wuchs, gepflanzt, gefüttert und getränkt wurde, konnte sich ein jeder Einwohner versorgen oder sogar Güter produzieren, die er verkaufen oder tauschen konnte. Wenn wir in die Gegenwart schauen, so kann zum Beispiel Open Source Software, je nach Lizensierung, als Almende verstanden werden: Man kann sie frei nutzen, weiterentwickeln, seine Produkte damit verbessern. Und diese Analogie sehen wir Piraten in vielen Dingen, nehmen wir den ticketlosen Nahverkehr. In diesem Modell wird der Nahverkehr durch die Allgemeinheit, die Gemeinde, finanziert und jeder Einzelne kann seinen Nutzen davon tragen.

Oder das BGE: Früher galt “jeder soll von seiner Hände Arbeit leben können”, oder, vielfach missgedeutet und verkrüppelt, ein Satz aus der Bibel, 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher 3,10 “Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen” – solche Sprüche stammen eben aus einer Zeit, in der es noch eine Almende gab, wo tatsächlich jeder für seinen Unterhalt selbst sorgen konnte. Theoretisch ginge das ja auch heute noch – in der Bundesrepublik Deutschland hat rechnerisch jeder Anwohner 4.366,8 m² Platz, ausreichend um ein paar Hühner zu halten und einen üppigen Gemüsegarten zu bepflanzen. Blöderweise sieht die Realität aber anders aus, der größte Teil unserer Fläche ist in Privatbesitz. Wir leben in einer Geldwirtschaft und nicht in einer Subsistenz- oder Naturalwirtschaft. Entsprechend ersetzt das Geld, welches zur Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse benötigt wird, die klassische Almende. Und somit hat ein jeder einen grundsätzlichen Anspruch darauf.

Wer mag, kann sich hier weitere Beispiele suchen, es gibt sie zuhauf. Ein neues Wort für eine moderne, almende-getragene Weltordnung wäre der Commonismus (engl. commons – Gemeingut), bei keimform.de finden sich einige Theorien dazu, Prof. Yochai Benkler hat da auch mal was zu geschrieben.

Thing

Direkt aus der Almende ableiten, zumindest geschichtlich, lässt sich das Thing – eine Vollversammlung, die über die Geschicke des Stammes, der Gemeinde oder eben der Allgemeinheit besprochen und beschlossen wurden. In der Tat ist dieses alte germanische Recht bzw. diese Versammlung eine annäherung an die Demokratie, wie sie piratischem Denken absolut entspricht – Teilhabe und Mitbestimmung auf unterster Ebene (okay das mit den Frauen überlesen wir jetzt mal gnädig). Wer den Wikipedia-Artikel durchliest, wird darauf stoßen, das im letzten Absatz der Untergang der Almende zeitlich in denselben Rahmen gesetzt wird wie der Untergang des Thing. Vollkommen logisch: Solange ALLEN ALLES gehört, haben auch ALLE bei ALLEM mitzureden. Wird dieses Gefüge gestört, verschiebt sich die Macht und das (logische) Stimmgewicht auf diejenigen, die viel privates Eigentum haben – und sei es auch nur indirekt. Daraus lässt sich ebenfalls unsere tiefe Abneigung gegenüber staatlicher Überwachung ableiten, um zu verstehen warum sei vielleicht noch der Wikipedia-Artikel zum Panoptismus empfohlen.

Mit ein wenig Phantasie kann man also auch weiterspinnen, in welche Richtung sich Piraten entwickeln werden und wie sie zu verschiedensten politischen Fragen stehen. So wild zusammengewürfelt ist das ganze nämlich nicht.

Ein Kommentar zu “Der rote Faden in die Vergangenheit”

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