Bildet Banden

Disclaimer: Der Autor leidet selbst an Depressionen und möchte hier keine individuellen Tipps geben, sondern versucht ein gesellschaftliches Phänomen zu begreifen. Die Strategie des persönlichen Umgangs mit konkreten depressiven Episoden lässt sich nicht pauschalisieren.

Das Germanwings-Unglück hat mich sehr nachdenklich zurückgelassen. Da ist ein Mensch, der über Jahre mit Depressionen lebt und diese vor seiner Umwelt verbirgt. Er war in Behandlung deswegen. Scheint nicht so viel gebracht zu haben. 150 Menschen sind gestorben, und alle fragen nach dem Warum. Ich fürchte, es wird keine Antwort geben. Depressionen sind eine oft tödlich verlaufende Volkskrankheit, dieser Suizid ist nur einer von vielen. Von vielen, die wir gar nicht mitbekommen weil sie “unspektakulär” sind. Klar, Namen wie Robert Enke oder Robin Williams bleiben im Gedächtnis. Es waren Promis. Aber schaut man sich nur diese Fälle an, stellt man fest dass es einfach jeden Treffen kann. Erbarmungslos. Die meisten Suizide treffen nur die Erkrankten selbst, seltener sind sogenannte erweiterte Suizide, was bedeutet, dass der oder die Erkrankte ihr direktes Umfeld nicht allein zurücklassen will und diese mit in den Tod nimmt. Der Flugzeugabsturz fällt nicht in diese Kategorie, auch wenn es sich hart anhört, aber die 149 anderen Getöteten hatten einfach das Pech, bei einem 100% sicheren Selbstmordversuch anwesend zu sein. Ich denke, viele Depressive hält die Angst vor einem gescheiterten Suizid und den daraus resultierenden Folgen davon ab, es zu versuchen.

Die Zahl derer, die an Depressionen erkranken, nimmt dramatische Ausmaße an. Laut einem Bericht des Stern von 2011 ist jeder dritte Europäer psychisch krank. Die meisten leiden unter Angststörungen, dicht gefolgt eben von Depressionen. Und dieser Bericht ist 4 Jahre alt, wer weiß wie die Zahlen heute aussehen. Jedenfalls steigen die Erkrankungen ständig, und das seit Jahren. Vielleicht ist mittlerweile jeder zweite Krank. Vielleicht sind wir auf dem Weg in den Abgrund. Aber wie konnte es dazu kommen?

Ich spekuliere jetzt einfach mal. Vor kurzem habe ich eine Dokumentation über mein Heimatstädtchen Soest gesehen, aus alten Filmen zusammen geschnitten. Dort war die Rede davon, dass es in Soest, einer Kleinstadt mit zu dieser Zeit rund 40 tausend Einwohnern, 5 Kinos gegeben hat, die ständig voll waren. Auch war Soest einmal übersät mit Kneipen, die auch alle ihre Gäste hatten. Heute gibt es nur noch 2 Kinos und deutlich weniger Kneipen, und die sind beileibe nicht immer gut besetzt. Es ist sehr einfach, sich zuhause zu zerstreuen. Wir könnten jetzt feststellen, dass es doch gut ist sich mit Wissen und Kultur ständig und jederzeit beschäftigen zu können. Aber schauen wir genau hin. früher war dies ein Highlight, man hat vielleicht ein oder zwei mal die Woche in einer großen Gruppe von Menschen Kultur genossen. Heute? Wir konsumieren, wir werden rund um die Uhr beschallt. Und das allein. Menschen sind nicht dazu geschaffen, allein zu sein. In früheren Zeiten waren wir dazu gezwungen, in großen Familien und Dorfgemeinschaften zu leben. Jeder musste sich mit jedem anderen auseinandersetzen, ein ständiger emotionaler Stress mit dem wir leben mussten. Das findet heute nicht mehr statt, wenn mich jemand nervt dann gehe ich eben. Wenn ich emotional gestresst bin, dann lenke ich mich halt ab, gucke Fernsehen um runter zu kommen. Jederzeit. Überall.

Das ist nicht richtig. Im Tierreich gibt es kaum den klassischen Einzelgänger, die meisten Arten leben in Rudeln, Völkern oder Schwärmen. Schauen wir uns unseren nächsten Verwandten an, den Schimpansen. Auch diese Leben in dynamischen Gruppenverbänden, genau wie wir vor wenigen Jahrzehnten noch. Eine Umstellung unserer Lebensweise bedeutet nichts geringeres als ein gewaltiger evolutionärer Schritt. So etwas dauert für gewöhnlich mehrere Generationen, aber wir versuchen es in einer, vielleicht maximal zweien. Das kann so nicht funktionieren, und die psychischen Erkrankungen sind meiner Meinung nach ein Auswuchs dieses evolutionären Bruches. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten da raus zu kommen: Entweder wir passen uns schleunigst an unser neues Leben als Einzelgänger an (was meiner Meinung nach nicht möglich ist, jedenfalls nicht ohne hohe Verluste) oder wir kehren zurück in das Leben in der Gruppe. Gründen WGs, bilden Banden, setzen uns miteinander auseinander.

Was denkst du?